(sorry für ein so langen Post, aber ich denke, lesen lohnt sich)Alex hat gestern in der CityChurch die erste Predigt der neuen Predigtreihe gehalten (Download mp3, Powerpoint). Wie ich schon erzählte, geht es in der Predigtreihe um eine neue (oder ursprüngliche) Sicht des Begriffes Reich Gottes und die daraus resultierenden Folgen für unser (Glaubens-)Leben. Brian D.McLaren erklärt in "Die geheime Botschaft von Jesus. Die Wahrheit, die alles verändern könnte" (großteils Vorlage für die Predigtreihe) sehr gut das religiöse, politische und gesellschaftliche Umfeld Jesu. Das Umfeld, in das Jesu seine gute Nachricht verkündet hat, nämlich die gute Nachricht, dass das Reich Gottes anbricht. Das Hintergrundwissen ist enorm wichtig, um die die Reaktionen auf die Botschaft und letztendlich auch die Botschaft selbst zu verstehen.
Israel auf dem Fundament der Vergangenheit
Da Jesus Jude war und unter Juden lebte und verkündigte, geht es zunächst darum, wie sich ein Jude damals selbst sah. Den Juden verstanden sich nicht als irgendein Volk sondern als das von Gott auserwählte Volk. Gott hatte Abraham, dem Vorfahren aller Juden, die große Verheißung gegeben, dass er ihn zum Segen setzt für die ganze Welt. Seine Nachkommen sollen Gott kennen und bekanntmachen und allen Menschen Heil bringen.
Ein paar hundert Jahre nach Abraham waren die Juden Sklaven in Ägypten. Durch Mose befreit Gott die Juden aus der Gewalt der damaligen Supermacht. Außerdem gibt Gott Mose das Gesetz, die sog. Thora, das die Juden lehrt nach Gottes Willen zu leben. Die Priesterschaft wird eingeführt um dem religiösen Leben Ordnung und Regelmäßigkeit zu geben.
Nochmal ein paar hundert Jahre später regiert David als König über Israel. In dieser Zeit erleben die Juden eine politische, wirtschaftliche und spirituelle Blütezeit. Die Berufung, dass Israel Licht für die Vöker sein soll schein in greifbare Nähe gerückt. Doch schon wenig später zerbricht dieses Reich, spaltet sich und wird schließlich von Feinden besiegt und besetzt.
Die folgenden Jahrhunderte kommen die Juden ständig von dem Regen in die Traufe und wieder zurück. Mal werden sie von den Assyrern besetzt und verschleppt, mal von den Babyloniern, später von den Griechen. Dazwischen gibt es nur kurze bessere Zeiten. Schließlich werden sie von den Römern besetzt, was sie auch zur Zeit Jesu waren. Besatzung bedeutete hier vor allem auch, dass die sehr hohe Steuern an die Römer bezahlen mussten, dass ihnen kaum was zum Leben blieb. Weil sie aber Juden waren und die Verheißung Gottes hatten, war die Besatzung aber auch ein religiöses Problem. Wo war die Freiheit, das Heil, der Reichtum, der Segen, den Gott versprochen hatte?
Die Gruppen in Israel z.Z. Jesu
Durch diesen Zustand bildeten sich in Israel verschiedene Gruppen. Man könnte sie auch Parteien oder Konfessionen nennen, zwischen Politik und Religion konnte in diesem Kontext nicht unterschieden werden. Und wie auch die Parteien heute, liesen diese damals kaum ein gutes Haar den anderen.
1. die Zeloten (deutsch "Eiferer"): Sie versuchten mit Gewalt Israel zu befreien. Sie hatten in der Geschichte große Vorbilder. Sehr oft hatte Gott die mutigen Krieger Israels zum Sieg geführt, obwohl sie zahlenmäßig weit unterlegen waren. Und so waren sich auch die Zeloten sicher, dass Gott den Juden helfen würde, wenn sie sich im Vertrauen auf ihn dem Feind entgegenstellten. Da die große Revolution aber noch auf sich warten ließ, konnte es hin und wieder vorkommen, dass ein unbeobachteter Römer mal ein Messer im Rücken hatte ...
2. die Sadduzäer: Sie versuchten gemeinsam mit der Gruppe der Herodianern sich das Leben trotz Besetzung möglichst gut zu gestalten. Wenn man gegen die übermächtigen Römer kämpft, würde man es sich nur unnötig schwer machen. Schließlich hatte man ja auch den Römern den neu erbauten Tempel zu verdanken.
3. die Pharisäer: Sie gingen davon aus, dass Gott den Retter schicken würde, wenn Israel nur wirklich heilig leben würde. Deshalb befolgten sie akribisch das Gesetz und stellten sich weitere Gebote auf, um möglichst weit von jeder Sünde weg zu sein. Und natürlich verachteten sie die Prostituierten, Säufer, Betrüger und Kollaborateure, die großen Sünder, da sie ihrer Meinung nach an den Zuständen schuld waren.
(4.) Noch heiliger als die Pharisäer wollten die Essener leben und hatten sich deshalb von der verkorksten Gesellschaft zurückgezogen in ein klösterliches Leben in der Wüste. Mit den andern wollten sie nichts mehr zu tun haben. In der Bibel taucht diese Guppe nicht auf. (Mann, waren die zurückgezogen!)
Jesus passt in keines der üblichen Muster. Er war kein Sadduzäer, denn er gab sich nicht mit dem Status Quo zufrieden. Er war kein Zelot, denn er redete von Frieden und Demut. Und er war kein Pharisäer, denn feierte mit Prostituierten und Säufern.
Wer in Gottes Reich eintritt ...
... trägt, wenn er gezwungen wird einem römischen Soldaten das Gepäck eine Meile zu trägen, es freiwillig noch eine zweite, um dem Soldaten (dem Feind!) etwas Gutes zu tun.
... hält nach einer Ohrfeige als höheren Gegenschlag die andere Wange hin.
... ist kein Mitläufer, der es sich behaglich einrichtet, sondern setzt sein Leben für die Gerechtichkeit ein.
... akzeptiert nicht die Zustände, sondern underwandert sie und induktiert einen neuen, guten Geist.
... verurteilt Stadtbekannte Sünder nicht, sondern geht mit ihnen rücksichtsvoll und freundlich um.
... ist nicht voll Angst, sich durch Huren und Säufer zu verunreinigen, sondern voll Hoffnung, dass diese durch ihn geheilt werden.
... lebt eine höhere Alternative jenseits von passiver Unterwerfung oder aktiver Vergeltung.
Das Reich Gottes kommt JETZT!
Außer den genannten Partei gibt es noch zwei "Berufsgruppen", die wichtig sind zu kennen um Jesu Botschaft in seinem Kontext zu verstehen, nämlich die Priester und die Propheten. Die Priesterschaft wurde bei Mose eingesetzt um das religiöse Leben zu regeln. Es wurde damals eine Familie, die Nachkommen Levis, auserwählt dieses Amt zu verrichten, von da an war man durch Familienzugehörigkeit dazu bestimmt, Priester zu sein. Die Priester erledigten alle Möglichen Dienste in und um den Tempel und waren sozusagen Mittler zwischen Gott und den anderen Juden.
Die Propheten sind keine solche fest bestehende Gruppe. Vielmehr berief Gott in der Vergangenheit immer wieder einzelne Propheten, um die Menschen wach zu rütteln. Sie sind ebenfalls Mittler zwischen Gott und Mensch, da Gott zu ihnen sprach und sie es den Menschen weitergaben. Sie traten gerade dann auf, wenn die Menschen nicht nach Gottes Willen lebten. Dabei bekamen gerade auch die Priester ihr Fett weg, wenn deren Dienst Gott unwürdig war und sie ein schlechtes Vorbild für das Volk waren.
Auch Jesus war ein Prophet (natürlich war er mehr als das), weil er klar die Missstände ansprach und zur Umkehr aufrief. Aber seine Verkündigung unterschied sich doch von der der früheren Propheten. Hatten diese auch oft von einer neuen Welt Gottes geredet, war aber diese Vision bisher immer weit entfernt. Doch Jesus sagt plötzlich, Gottes Reich sei jetzt da! Vieles was Jesus sagte, erscheint sinnvoll und gut zu tun. Irgendwann. Theoretisch. Aber Jesus sagt jetzt ist die Zeit, Gerechtigkeit zu leben! Heute ist der Tag, die Bettler zu mir nach Hause einzuladen! Gute Gedanken, was man tun könnte, sind nicht mehr genug, heute tun wir sie!
Jesu Anspruch ist eine Bedrohung der aktuellen Zustände. Das mag den Bettlern und Unterdrückten gefallen, aber die Reichen und Mächtigen haben da logischerweise was dagegen. Deshalb müssen Jesu Anhänger mit Hass, Spott und Verfolgung rechnen.
Und Jesus sagt zu den religiösen Führern, dass ihr bisheriger Weg nicht Gottes Wille ist! Sie haben ihren eintlichen Auftrag verlassen und verfolgen eigene Ziele.
Jesus spricht mit seiner Verkündigung die Indentität der Juden an, indem er sehr konkret an ihre Große Vergangenheit erinnert. In ihm laufen die Fäden der Geschichte zusammen. Wenn er von diesem neuen Reich spricht, erinnert er an König David, unter dem Israel seinen Höhepunkt erlebte. Wenn er von Freiheit und Befreiung redet, dachten die Juden an Mose, den großen Befreier. Außerdem gibt Jesus auch ein neues Gesetz und stellt sich damit ganz bewusst neben oder viel mehr über Mose (Joh 13,34; Mt 5,21-48). Wenn Jesus zum Glauben ruft und wenn er eine neue Verheißung gibt, küpft er direkt an Abraham, den Vater des Glaubens an. Noch mehr, wenn Jesus Kranke heilt, Dämonen austreibt und Tote auferweckt, wenn er Stürme stillt und Sünden vergibt indentifiziert er sich mit Gott selbst. Er sagt, dass er und Gott eins sind und dass durch ihn eine neue Welt, eine neue Gottesherrschaft beginnt.
Jesu Worte und Taten machen deutlich:
"Was bisher als unmöglich galt, das wird jetzt nicht nur möglich, sondern sogar wirklich!"
Das Reich Gottes ist nicht irgendwann nach dem Tod, sondern es ist jetzt wahr, wenn die Menschen daran glauben. "Reich Gottes" bedeutet, dass Gott Herrscher ist. Er ist dort Herrscher, wo Menschen ihm die Herrschaft überlassen. Auch "Himmelreich" meint nicht einen Ort, wo man nach dem Erdenleben hinkommt, sondern meint das Leben vor Gottes Angesicht, das schon hier und jetzt stattfinden kann. Ebenso auch meistens der Ausdruck "ewiges Leben". Die Ewigkeit beginnt hier und jetzt, nämlich dann, wenn ich in Gottes Reich eintrete. Wenn ich mein altes Leben hinter mir lasse und ganz in Gottes neuer Welt lebe.
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